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title: 'Nächster Halt: Endstation.'
date: 2015-05-20T08:04:10+00:00
aliases: naechster-halt-endstation
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- Political
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][1]Man könnte meinen, hier in Tansania ist man weit weg von den politischen Vorgängen in Deutschland. Doch interessanterweise wird es einem hier dieser Tage sehr einfach gemacht, den GDL-Streik, der vor allem vor Pfingsten in Deutschland die Bevölkerung elektrisiert, aus einer anderen Perspektive zu sehen. Wo selbst politik-kritische Formate wie die Satire-Komik-Sendung Heute Show durchgehend auf dem Gewerkschaftsführer Weselsky rumhackt, kann man durch den Vergleich mit Ländern wie Tansania, in denen das ganze Politikschauspiel noch etwas durchsichtiger und simpler gehalten ist, sehr gut verstehen, warum der GDL-Streik im Endeffekt ein notwendiges Übel für nahezu alle Bürger in Deutschland ist.
> **Über den Autor:**
> Max Mehl, 25, ist ein… ach, Ihr wisst wer ich bin. Wichtig für diesen Artikel ist allerdings, dass ich kein typischer Autor eines gewerkschaftsfreundlichen Beitrags bin. Ich bin Fan von offenem Wettbewerb, die SPD fand ich immer schon so naja und beim Wort „Sozialismus“ bekomme ich nervöse Zuckungen. Trotzdem befürworte ich den GDL-Streik. Wie in aller Welt passt denn das zusammen?
Spätestens wer das zweite Semester der Politikwissenschaften absolviert hat, wird einen der wesentlichen Kerne der Realismustheorie verstanden haben. Es geht im Wesentlichen um Macht. Und Macht kann sich durch vieles definieren: Politischer Einfluss, militärische Schlagkraft, Ressourcen und natürlich Geld.
#### Was in Tansania gilt…
Hier in Tansania ist vor allem letzteres von Bedeutung. Wer über beträchtliche Summen von Geld verfügt, kann sich Einfluss kaufen und durch diesen Einfluss noch mehr Geld abzwacken. Im Gegenzug – und das ist viel prekärer – haben diejenigen, die kein Geld besitzen, keinen Einfluss, keine Stimme, keine Macht. Und das trifft somit auf weit über 90% der Bevölkerung zu. Die Tansanier haben es mit einem Parlament zu tun, das spätestens seit der Amtszeit des letzten Präsidenten diesem nur noch mehr Macht zuscheffelt. Und wenn es doch einmal so was verrücktes wie Korruptionsbekämpfung anstrebt, werden die verabschiedeten Gesetze per Veto geblockt oder ganz einfach nicht implementiert.
Auf der anderen Seite stehen die Dala Dala-Fahrer, die die typischen (meiner Meinung nach für Zwerge konstruierten) Kleinbusse in Betrieb halten, die (halbwegs) fixe Routen anfahren und im Nah- und Halbfernverkehr dominieren. Das Parlament hat vor einigen Wochen eine drastische Veränderung verabschiedet: Unter anderem teurere Lizenzen und regelmäßige Fahrprüfungen. Nicht, dass ich mehr Sicherheit nicht befürworten würde, aber in einem Land, in dem jeder Behördengang zu zahlende Bestechungsgelder mit sich bringt und die ebenfalls auf Bestechungsgeld aufbauende Polizei mit Freuden den Führerschein des Fahrers eines mit 15 Fahrgästen gefüllten Dala Dalas besonders gründlich untersuchen wird, ist das schon ein kritischer Vorgang.
Was haben diese Fahrer also für Möglichkeiten, ihrem Widerwillen Ausdruck zu verschaffen? Sich mit offenen Briefen an die Politik wenden? Mit Schildern auf der Straße protestieren? Nein, es handelt sich dabei um Menschen aus den unteren Schichten, die austauschbar sind. Aber sie haben die Macht, durch Streik ein ganzes Land lahmzulegen und haben das auch für etwas über 24 Stunden gemacht. Und plötzlich stehen die politischen Eliten und die revoltierenden Fahrer auf Augenhöhe und können (für tansanische Verhältnisse) anständig diskutieren.
#### … gilt umso mehr in Deutschland
Was wir aus dem Tansanischen Beispiel lernen: Es geht um Macht und um das Recht, auf Augenhöhe über Konditionen zu diskutieren. Doch was im fernen Afrika der übersichtliche Streit zwischen einer Horde Minibusfahrer und der Regierung ist, ist in Deutschland der womögliche Endkampf zwischen Arbeitnehmerrechten und den politischen und wirtschaftlichen Machthabern.
Denn es geht nicht nur um mehr Geld für die Lokführer, sondern darum, ob das (ironischerweise) von der SPD auf den Weg gebrachte Tarifeinheitsgesetz kleinere Gewerkschaften in die Bedeutungslosigkeit abschiebt und damit nicht nur den Lokführern, sondern de facto auch der gesamten „Arbeiterschaft“ die Lobby entreißt. Denn wenn wir resümieren, waren die letzten Arbeitskämpfe immer nach demselben Muster aufgebaut: Verhandlungen, zwei kleine Warnstreiks, die niemandem so wirklich weh tun, weitere Verhandlungen und dann eine Einigung auf einen Betrag, der irgendwie auch nicht so wirklich zur Realität passen will, sondern die Arbeitnehmer im Vergleich zur Inflation immer schlechter da stehen lässt.
#### Quo vadis, Öffentliche Meinung?