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Erste Eindrücke aus Tansania 2015-04-14T08:05:07+00:00 erste-eindruecke-aus-tansania [deutsch] [tanzania]

Pole pole – das ist die typisch tansanische Mentalität, alles etwas ruhiger und langsamer angehen zu lassen. Und wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum ich erst einen Monat nach meiner Ankunft in Tansania dazu komme, einen ersten Blogeintrag über meine bisherigen Erfahrungen zu schreiben. Ich bin hier von Anfang März bis Ende Juli als Freiwilliger in einer Organisation tätig, die die Bildung von jungen Menschen und der ländlichen Bevölkerung durch Einsatz und Schulung von IT verbessern will. Im Folgenden möchte ich kurz einen Rundumblick über mein Leben hier und die Bedingungen geben, konkret über meinen Alltag, die Gefahren, meine Arbeit als Freiwilliger, die einheimische Bevölkerung und Kultur, Wetter und Natur sowie das liebe Geld:

Mein Alltag

Ich wohne mit meiner Freundin in einer 3-Zimmer-WG im Stadtzentrum von Moshi, nahe des Kilimanjaros. Die Woche über arbeite ich momentan bis mittags im Moshi Institute of Technology, einer Art Volkshochschule mit Kursen im Bereich IT, Buchhaltung und Sprachen, welche von TAREO (Tanzania Rural Empowerment Organization) geleitet wird (dazu später mehr). Der Rest des Tages (nahezu alle Ehrenamtlichen in der Stadt arbeiten halbtags) geht hier mit ungewöhnlich zeitraubenden Aktivitäten wie Kochen, Einkaufen auf dem Markt und vom teils tierischen heißen Wetter ausruhen (zwischen 13 und 15 Uhr gehen selbst Transanier ungern auf die Straße) drauf.

{{< figure src=”/img/blog/tz-kilimanjaro-balkon.jpg” class="md” caption="Blick auf das „Dach Afrikas“ von unserer Haustür” >}}

Die Länge des Tages wird durch die sehr früh einsetzende Dunkelheit um etwa 19 Uhr limitiert, nach der wir Wazungu (Mzungu = Ausländer, Weißer) nicht auf die Straße sollten, mehr dazu später. Am Wochenende bekommen wir Ehrenamtlichen für gewöhnlich frei, um die Stadt und Gegend zu erkunden, Trips zu unternehmen oder uns von der oft geistig anstrengenden Arbeit zu erholen.

Gefährlichkeit

Eine der häufigsten Fragen ist die nach der Gefährlichkeit. Kurzum: Es ist nicht viel gefährlicher als in einer deutschen Großstadt, wenn man sich nicht vollkommen daneben verhält und ein paar Grundregeln beachtet. Tagsüber haben wir noch nie davon gehört, dass jemand beklaut wurde, obwohl wir allein von der Hautfarbe her natürlich extrem auffällig sind. Moshi gilt als sehr sicher (was auf einige andere südlichere Großstädte in Tansania allerdings nicht zutrifft). Die größte Gefahr im Hellen ist es, in der ersten Zeit auf einen der zahlreichen Straßenverkäufer reinzufallen, die einem zuerst erzählen, wie toll sie arme Waisenkinder unterstützen und nach 5 Minuten plötzlich dubiose Safaris oder Halsketten anbieten – aber da lernt man schnell draus :)

Armut und Arbeitslosigkeit locken Gelegenheitsdiebe hervor, die technische Geräte und Geld von den Unglücklichen abstauben wollen, aber diese dann meist ziehen lassen – ein Vorteil der kaum vorhandenen Kleinverbrechensaufklärung der hiesigen Polizei. Da das Taxi hier aber je nach Distanz 1,50€ bis 2,50€ pro Fahrt kostet, gehen wir Voluntäre da sowieso auf Nummer sicher und hatten in letzter Zeit nie Probleme.

Meine Arbeit

Ich arbeite für TAREO, eine Organisation, welche die ländliche Bevölkerung, die hier aufgrund der schlechten Bildung und der mieserablen Infrastruktur stark benachteiligt ist, unterstützen will. Das macht sie durch einige ländliche Schulen, aber auch Bildungseinrichtungen in Städten, wo junge Menschen Qualifikationen erwerben können. TAREO macht das vor allem durch den Einsatz von Computern und dem Internet, um die Menschen (meist Kinder, Jugendliche, Frauen und Farmer) gesellschaftlich aufholen zu lassen. Ein Problem nämlich ist, dass Schulen hier meist nicht kostenlos sind, oft ewig weit vom Wohnort entfernt sind und die Schullaufbahn sehr lange dauert, bis man etwa auf eine Universität gehen kann.

{{< figure src=”/img/blog/tz-moshi-clocktower.jpg” class="md” caption="Moshi Innenstadt an einem Nachmittag” >}}

Im Moshi Institute of Technology (MIT), wo ich tätig bin, kann man an Kursen für Bürofachkräfte, IT-Techniker oder einfache PC-Grundlagen teilnehmen, was einen vergleichsweise geringen Betrag kostet. Dafür gibt es dann neben dem hier sehr wertvollen Wissen auch Zertifikate und sogar ganze Schulabschlüsse können nachgeholt werden. Natürlich ist das nicht vergleichbar mit professionellen Angeboten in Europa, schon einfach deswegen, weil die Infrastruktur fehlt. Wir arbeiten hier mit PCs aus dem Jahr 2001-2003, meist Pentium 3 oder 4 mit 256 bis 512MB Arbeitsspeicher. Leider laufen die meisten PCs noch mit WindowsXP, was ich aber durch die Installation von ressourcensparenden und vor allem kostenlosen Linux-basierten Systemen zu ändern gedenke.

Momentan aber ist die neue Webseite von TAREO (mittlerweile schon online) mein Hauptprojekt. Bisher hatte die Dachorganisation eine eigene Präsenz, genauso wie zwei der Center und der IT-Service – jeweils alle hoffnungslos veraltet und optisch ein Graus. Ich fasse nun alle Infos und einer modernen Webseite zusammen, strukturiere sie ordentlich, mache sie attraktiver für Sponsoren und interessierte Freiwillige und  besser auffindbar über Suchmaschinen. Mein Hauptaugenmerk liegt aber auf der einfachen Bedienung für die zuständigen Mitarbeiter, damit sie in Zukunft schnell Infos hinzufügen oder Bilder ändern können.

Diese Arbeit war zeitraubender als gedacht, weil es mehr Informationen, Schulen und Kurse zu vereinheitlichen galt als ich anfangs dachte. Möchte man dann noch aktuelle Bilder von den Einrichtungen auftreiben und vielleicht noch Fotos von den verschiedenen Mitarbeitern sammeln, kann sich das ganze nach hinten verschieben – pole pole halt. Bis Mitte/Ende April möchte ich dieses umfangreiche Projekt aber fertiggestellt haben und mich auf die Schulung von Lehrern des MIT konzentrieren. Momentan schwebt mit vor, die alte Software (und vielleicht auch Hardware) in der Einrichtung zu mordernisieren und dabei die 4 Lehrkräfte im Sinne von Learning by Doing einzubinden. Diese sind meist theoretisch recht fit und höchst interessiert, aber haben noch nie einen modernen Server angefasst oder eine Webseite online gestellt, weil einfach die Mittel dazu fehlen – etwas schade, wenn sie darüber unterrichten.

Die Einheimischen

{{< figure src=”/img/blog/tz-moshi-gruen.jpg” class="md” caption="Eine kleiner Weg in Moshi. Man beachte die Vegetation” >}}

Hier kann und will ich noch gar nicht so viel sagen. Die tansanische Kultur ist mir im Großen und Ganzen noch etwas unbekannt und fremd und man tritt immer mal wieder in kleine Fettnäpfchen. Eines der größten Probleme im Miteinander ist sicherlich die Sprachbarriere und die damit verbundenen Missverständnisse. Nur wenige Einheimische sprechen für unsere Verhältnisse wirklich gutes Englisch, um sich über kompliziertere Sachverhalte wie Kultur oder Gesellschaft zu unterhalten. Zudem waren die meisten Leute hier nie in Europa oder den USA und gehen davon aus, dass wir in der ersten Welt in purem Reichtum leben, nie krank werden, die iPhones und Fernseher auf Bäumen wachsen und alle happy sind. Das wird durch Filme und Serien vermittelt und leider durch Kurzzeittouristinnen in High-Heels und Miniröcken und wohlbeleibte Amis, die mit Geld um sich schmeißen (ist ja alles billig hier) nicht wirklich verbessert.

Ansonsten gibt es hier eine ganz klare Prioritätsverteilung: Die Familie steht ganz oben, dann folgen Freunde und erst dann mal Beruf oder Kunden. Nur die wenigsten Selbstständigen hier streben nach höherem, indem sie etwa ihre Restaurants renovieren, das Angebot erweitern oder eine Zweigstelle eröffnen. Man ist hier meist zufrieden, wenn man die Familie durchbringen kann. Ob das nun gut oder schlecht ist, überlasse ich Eurer Meinung. Aber wie ich schon gehört habe, spielt die Stammeszugehörigkeit hier noch eine sehr große Rolle. Dominant sind hier etwa die Chagga, welche als egoistisch und geschäftstüchtig gelten, wohingegen andere Stämme gastfreundlicher und selbstloser sein sollen. Eine Sonderrolle halten die Maasai inne, die ihrer traditionellen Lebensweise im Einklang mit der Natur treu geblieben sind. Einen Stamm der Maasai werden wir hoffentlich bald einmal über eine Nacht besuchen und dort mehr über sie lernen.

Wetter und Natur

{{< figure src=”/img/blog/tz-safari-ele.jpg” class="md” caption="Ein kleiner Ausschnitt aus der Herde Elefanten, die im Tarangire unseren Weg gekreuzt hat” >}}

Im April befindet sich Tansania für gewöhnlich in der großen Regenzeit, die Mitte/Ende März beginnt und bis Ende Mai dauert. Wer jetzt an Dauerregen und überschwemmte Straßen denkt, irrt genauso wie ich zu Anfang. Regenzeit bedeutet, dass es nachts mal ein paar Stunden regnet und tagsüber vielleicht mal maximal eine Stunde – dann aber wie aus Kübeln! Daher ist es auch etwas kälter als im hiesigen Sommer (November bis Februar), zumindest wenn man 28°C als kalt bezeichnen will. In höheren Lagen allerdings bewirkt dieser Regen wahre Wunder: Sandbraune Wiesen werden zu blühenden Äckern und jeder Schilling wird in die Landwirtschaft gesteckt. Selbst hier in Moshi sieht man plötzlich mehr Grün. Wir sind mal gespannt, wie sich die Regenzeit noch entwickelt und ob es hoffentlich noch kühler wird.

Tansania ist entgegen der weit verbreiteten Vorstellung, dass es sich um weite Ödnis, verbrannte Weiden und kahle Hügel handelt, ein von der Natur her sehr vielfältiges Land. Nachdem wir am Osterwochenende auf eine dreitägige Safari durch Lake Manyara, den Ngorongoro Krater und den Tarangire-Nationalpark gefahren sind, weiß ich, dass Tansania grün, blau, braun und rot zugleich kann: Urwaldähnliche Wälder, weite Steppen, riesige Seen, Hügellandschaften in sattem sandbraun mit einzelnen gigantischen Bäumen und erwachende Flüsse und an der Straße vulkanische rote Gesteinsbrüche. Das Weiß auf der Kuppe des Kilimanjaros natürlich nicht zu vergessen!

Money money money

{{< figure src=”/img/blog/tz-schilling.jpg” class="md” caption="10.000 Schilling. Umgerechnet 5€ und die größte Banknote” >}}

Wie schon angedeutet, sind hier viele Sachen unglaublich günstig, vor allem einheimische Lebensmittel und Dienstleistungen. Die tansanische Währung sind Tansanische Schilling (TSH, TZS). Ein Euro entspricht etwa 2000TSH, die kleinste Münze sind 50TSH, der größte Schein 10.000TSH. Auf dem Markt, auf dem wir Gemüse und Obst einkaufen, kosten 3 (herrliche!) Auberginen 500TSH (0,25€), 5 kleine Paprika 500TSH, ein Eimer voller Kartoffeln je nach Qualität 3000TSH (1,50€) und eine Banane 100TSH (0,05€). Ein Rucksack voller Obst und Gemüse (natürlich Bio :P) kann nach einem Marktbesuch also für 5-10€ randvoll gefüllt sein. Dienstleistungen wie Nähereien sind hier ebenfalls sehr preiswert. So hat sich eine Freundin eine komplette Notebooktasche für 5-7€ nähen lassen, exklusive des auch preiswerten, aber hochwertigen Stoffs.

Vergleichsweise teuer sind hier aber importierte Produkte. 1kg Müsli bekommt man hier nicht für unter 5€, ein bisschen Käse schlägt auch mit mindestens 5€ zu Buche, echte Butter mit 4€ pro 250g. Werkzeuge sind ebenfalls mindestens doppelt so teuer wie im heimischen Baumarkt. Ein Liter Diesel kostet hier umgerechnet 80 Cent, eine kWh Strom 15 Cent – beides also für das tansanische Preisniveau sehr teuer. Beim Essen in Restaurants kommt es ganz klar darauf an, wo man hin geht. Die großen Touri-Restaurants, die in TripAdvisor o.ä. gelistet werden, sind auch für deutsche Verhältnisse mittelklassig teuer. Geht man aber in kleinere oder unbekanntere Läden, zahlt man für ein ausgiebiges und oft sehr gutes Essen auch mal nur 2,50€.

Ausblick

In den nächsten, hoffentlich bald folgenden Artikeln werde ich mich auf einzelne Themen beschränken. Technische, auf meine Arbeit bezogene Themen werde ich meinen Freunden aus dem Umkreis der FSFE zuliebe auf Englisch verfassen, dazu kommen aber wahrscheinlich einige unterhaltsame Nuancen aus Kultur und Alltag hier in Tansania oder Reiseberichte, die dann wieder auf Deutsch geschrieben sein werden.